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Hinterlassen
Zu einem der in den Geschichten der Stadt und in Urbanitätstheorien
weiterhin verbreiteten Mythen gehört jener, dass Los Angeles ein
geschichtsloser Ort sei. In der Einleitung seines Buchs The History of
Forgetting. Los Angeles and the Erasure of Memory erinnert sich Norman
Klein, wie er als Kulturtheoretiker aus einer lebenslangen Faszination
für das Freilegen von urban ruins ein stadttouristisches Ausgrabungsprojekt
machte: Klein suchte damals in den achtziger Jahren auf so genannten Anti-Tours
mit Studenten als Erster Leerstellen im Stadtbild der Metropole an der
amerikanischen Westküste auf, die Freiflächen, an denen einmal
Gebäude gestanden hatten, die Lücken im Raum, die manchmal Jahre
auf neue Investoren warteten, manchmal über Nacht neu bebaut wieder
verschwanden. In seinen aus diesen Stadtbesichtigungen hervorgegangenen
Doku-Fiktionen - Kurzgeschichten, in denen sich Dokumentarisches, Fiktionales
und Privates übergangslos montiert finden - erzählt Klein eine
Verfallsgeschichte nach. Weniger eine des beklagenswerten Verschwindens
wertvoller Bauten und architektonischer Denkmäler, sondern die eines
Gedächtnisverlusts. Das absolute Präsens verdrängte die
Vergängnis. Immer neue Zeichen besetzen die Oberflächen. Vergangenheit
als eine im bebauten Raum in Blindstellen anwesende - in den Fundamenten
einstiger Prachtbauten, Bauruinen und leerstehenden Lagerhäusern
- erschien im öffentlichen Bewusstsein lange weitgehend getilgt.
Die Hinterlassenschaften dieser Verfallsgeschichte würdigte in der
Gegenwärtigkeit Jahrzehnte über kaum ein Blick, sie blieben
oft undokumentiert. Überlieferungsspuren der massiven Eingriffe,
die der urbane Großraum durch fortgesetzte Destruktion und Konstruktion
erfuhr, finden sich im gegenwärtigen Stadtraum der Metropole L.A.
nur noch wenige. Einige wurden zu Erinnerungsorten und touristischen Sehenswürdigkeiten
gemacht. Eingegangen sind die meisten nur in Filmbilder.
Was in Filmen der Hollywood-Produktionen immer im Hintergrund verbleibt:
die Landschaft, die Architektur und ihr Innen, die Interieurs der Außenräume
- es wird, betrachtet man es mit anderen Augen, zu einem ungeordneten
Archiv der errichteten Vergangenheit, ausgelöschter Zeiten, der Nutzungsbedingungen
und des Gebrauchs der auch in ihrer Darstellung immer politischen Landschaft.
Will man denn den Ort anders definieren als jene selbstvergessenen Urbanistiktheorien,
die in Los Angeles immer wieder nur den bereits gegenwärtigen Prototyp
einer dystopischen Zukunft der Stadt zu sehen meinen, dann als einen,
der Bilder produziert und sich über Bilder produziert, zugleich mit
den dort produzierten images vergängliche Imaginationen zur Selbstbeschau
seiner und ihrer Betrachter. In seinen Bildern, filmischen und fotografischen
Transportmitteln eines städtischen Selbstbildes wie auch in jenen
Bildern, die solche images kommentieren, zeigt sich Los Angeles als eine
Bildproduktionsstätte. In ihr werden fortwährend Anwesenheit
und Abwesenheit, Vergangenheit und Gegenwart zum Entstehen und Vergehen
gebracht. Indem es seine vervielfältigten vielfachen Zeit-Bilder
an andere Orte trägt, hinterlässt diese Stadt wie keine andere
anderswo Spuren.
Markus Willekes Bilder stammen von dort. Tatsächlich ist aber keines
seiner Bilder dort entstanden.
Schnittstellen
Entstanden in seinem Berliner Atelier, tragen Markus Willekes Bilder Spuren
davon. Spuren von Verarbeitungsprozessen, Tempuswechseln, Aneignungsformen,
Abnutzungserscheinungen. Spuren von Anwesenheit und Abwesenheit, einer
Gegenwart, die nur als im Vergehen begriffen gesehen werden kann, fixierbar
immer nur als Rückerinnerungsfolge eines gerade eben noch gegenwärtigen
Moments.
Willeke malt aus dem Gedächtnis, bildliche Vorlagen im Sinn. Diese
stammen aus Zeitschriften, häufiger aus Filmen, aus deren Verlauf
er sie als screen shots herausgelöst hat. Teilweise entstehen die
Bilder nach Fotografien, die Willeke selbst während einer Reise an
der amerikanischen Westküste gemacht hatte und Jahre später
noch als eine Art Bildpool nutzt. Entnommen sind die Motive seiner Aquarelle,
Acryl- und seit jüngerer Zeit auch Ölbilder aus einem sich als
permanent und transient zugleich gebenden System fixierter Zeichen: einer
am Ort ihres Entstehens fremden Ordnung der Dinge.
In seiner Motivwahl und seinem analytischen Blick zeigt sich Willekes
intime Vertrautheit mit den von ihm als Bildvorlagen verwendeten Bildwelten:
ihm bleiben sie dabei stets und erkennbar Bildmaterial. Das unterscheidet
seine Bilder beispielsweise trotz deutlich sichtbarer ideeller und bildsprachlicher
Nähe grundsätzlich von Ed Ruschas Fotoserien, Gebäudeporträts,
Schriftgemälden. Wo Ruschas ikonographisch gewordene Bilder in der
Visualisierung eines ihm unmittelbar präsenten Zeichenbildraums Befremdung
eben in diesen Raum hineinprojizierten, da befremden Willekes Bilder mittels
Distanz, weil das zur Übertragung sich anbietende Bildmaterial sich
ihm anders, von Ferne her, vermittelt. Gebrauchsgegenstände einer
spezifischen Zeichenordnung überführt ein dezidiert touristischer
Blick, ein Kinogängerblick in eigene Bildräume. Wenn Willekes
Bilder dies nicht sichtbar machten, in einer malerischen Geste und ihrer
Farbigkeit, verfielen sie dem Klischee.
Willeke schneidet aus und montiert, entnimmt und fügt diese Zeit-Bilder:
Er malt nicht ab, sondern nach. Willekes Malerei zeigt sich zeitbewusst,
sich selbst, dem Abgebildeten wie der Geschichte der Malerei gegenüber.
Als Allegorien, denen man ihren mimetischen Charakter, ihre Referentialität
auf eine außerbildliche Wirklichkeit wenn auch nie vollständig
absprechen, so doch zum Gegenstand einer kritischen Verhandlung machen
kann, weisen Willekes Bilder zurück auf Bilder und ihre Herkunft:
somit auf die Produktionen der Rahmen von Wahrnehmung, die jedes Bild
mit sich trägt.
Als manuelle Produkte spiegeln Willekes Bilder die Bedingungen einer industriellen
Bildproduktion, die das Bilderzeugen als einen vielschrittigen und arbeitsteiligen
Fertigungsprozess organisiert. Der malerische Bilderarbeitungsprozess
als ein einmaliges Erschaffen neuer, in Serie gebrachter Bilder nach alten,
nicht ein Abbildfinden im Angesicht äußerlicher Realität,
kann sowohl als Kommentar der Industrieproduktionsweise wie eines handwerklichen
Schaffens verstanden werden.
Auffällig sind in Markus Willekes Bildern die Spuren der Produktion.
Ineinander verlaufene Farben, Schlieren, Flecken verweisen als hinterlassene
Markierungen auf die Materialität des jeweiligen Bildes und - über
dieses hinaus - den Bearbeitungsprozess. Sie sind Signaturen. Markenzeichen.
Auch Hinweise auf eine bei allem strengen konzeptuellen Kalkül der
Bildproduktion nicht zu beherrschende Unkontrollierbarkeit im Herstellen,
auf einen Überschuss, der weder als eine kunsthandwerklich individualistische
Note noch als Geste einer trügerischen Befreiung aus den Ordnungsmustern
der Malschulbildung betrachtet werden kann. Diese Kratzer, die Flecken,
die Unreinheiten, Löcher in den polierten Oberflächen der Vorlagen,
die sie sich bildlich angeeignet haben: es sind Gebrauchsspuren.
Die Markierungen sind Nachweis von Arbeit. Von Arbeit, die in den industriell
fabrizierten Produkten, die Willeke sich auf seinen Bildern der Bilder
in seiner Bildsprache aneignet, auszulöschen versucht wird: wenn
sie sich - als Film - als reines Produkt zur Unterhaltung zu geben versuchen,
wenn sie - wie Schild und Bus - reine Funktionalität behaupten, wenn
sie - als Zeitschriftenbilder - ihre Produktionsbedingungen Seite für
Seite ausblenden. Eine solcherart reflexive Verfasstheit, die eben gerade
ihr Gemachtsein vorzeigt, hält die Bilder mit ihren so unterschiedlichen
Sujets zusammen.
Die Bilder zeigen mehr: Imaginationen, als inszenierte Erinnerungen an
gesehene Bilder verbildlichen sie als Aneignungen von Ort zu Ort, Zeit
zu Zeit. Der Spuren oder Hinterlassenschaften einer Imagination kann man
in ihnen ansichtig werden: einer Imagination, die gesehene Bilder wieder
erinnert und nie gesehene Bilder nachmalen lässt. Kleine Monumente
des Vergänglichen lassen das Gedächtnis einer Gesellschaft entstehen.
Willeke arbeitet mit malerischen Mitteln daran, diese festzuhalten. In
Momentaufnahmen, die im Malprozess paradoxerweise auf Dauer fixiert werden,
erarbeitet er seinen Teil eines reproduzierenden Gedächtnisses, das
sich nicht als einfaches Archiv oder als Erinnerungsspeicher verstehen
lässt: hingegen als Prozess der Speicherung und Löschung von
Ausschnitten, die wiederholte und veränderliche Wiederaneignungen
von Bild und Eindruck, von Gefühl und Besetzung der Objekte mit Bedeutung.
In Willekes malerischer Geste des Flüchtigen oder Unfertigen verrät
sich etwas von dem Misstrauen einer endgültigen Festlegung und Fixierbarkeit
des Eindrucks, den das Bild des Bildes beim Betrachter, der der Maler
zuallererst selbst ist, hinterlässt. Diese Art eines Bilderinnerungsrecyclings
reflektiert - in den Gebrauchsspuren als Blindstellen in der Bildlichkeit
- bereits eine unweigerlich vorauszusehende Abwesenheit von Bild - und
von Betrachter. Solche Paradoxien bestechen in Willekes Werk. Sie schmerzen
und zeigen seine Bilder als unversöhnlich in einer Welt, in der die
Übernahmen und Aneignungen lange zu einer zweiten Natur geworden
sind, die mit Worten wie Simulation, Widerspiegelung oder Mimesis nicht
zu erfassen ist. Markus Willekes Bilder tragen Spuren der Verfallsgeschichte,
auch einer noch künftigen. Wenn sie Spurenelemente einer in Überschreibungen
begriffenen Geschichte entdecken lassen, konfrontieren sie die Betrachter
unversöhnlich mit den eigenen Sichtweisen - und ihren jeweiligen
Verfallszeiten.
Nils Plath, Berlin 2008
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