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| Fragmente einer Story als schiere Malerei | ||||||||||||||
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von Manfred Schneckenburger |
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Nach der kargen Kost der 70er Jahre brach in den 80er Jahren der "Hunger nach Bildern" aus. Allenthalben drangen die Jungen wilden vor. Aber der Markt war bald übersättigt und der Siegeszug endete jäh. Doch die Bresche war geschlagen. Seitdem stehen ausdrucksvoll komprimierte Pinselzüge, ein ausfahrender Gestus, handschriftliche Subjektivität - das alte Erbteil der Expressionisten - wieder mit Selbstverständlichkeit im Kern der Malerei. Also konnte eine jüngere Generation, jenseits der Großväter (die zu Klassikern avancierten) und der Berliner, Hamburger, Kölner Väter (die oft im Gestus erstarrten) in dieser Richtung neue Wege suchen. Hier setzt Markus Willeke ein, nicht nur mit einer erstaunlichen koloristischen Energie, sondern mit einem eigenen, spannungsvollen Konzept von Malerei. Auf den ersten Blick: sehr deutsche Bilder, auf einer Linie, die von Kirchner bis zu Fetting reicht. Starkfarbige, ebenso konstruktiv gebaute wie zerfließende Formen, Kompositionen, aus schieren farbigen Pinselzügen zusammengefügt und doch voller Spontaneität und Offenheit. Monumental gefestigte Motive, denen doch etwas Skizzenhaftes, rasch Hingeworfenes bleibt. Manchmal nähern die dünnen Lasuren aus Acryl, Tusche, Lack sich dem Effekt eines Aquarells. Hellere Partien lassen Luft und Raum einströmen. Eine fa presto Malerei von großer Sicherheit, ja Virtuosität, die nie ins Leere läuft. Auf den zweiten Blick: ein sehr amerikanischer, durch Medien geprägter ikonografischer Horizont. Bildwelten, keine primäre Wirklichkeit. Reflexe von Zeitungen, Zeitschriften, Comicserien. Willeke blättert gern. Was er findet sind muskelstrotzende Boxer wie Kampfmaschinen oder Knäuel dick gepolsterter Hockeyspieler: fotografische Dynamik aus Sportmagazinen. Knirpse, halbwegs zwischen Donald Duck und Monsterzwergen: Varianten von Comic-Lieblingen, bei denen der antiautoritäre Impuls sich ins Aggressive, Mörderische kehrt. Das filmtypische Alleinstehende Haus mit riesiger Garage, an die Rocky Mountains gelehnt: eine Impression aus Colorado, gesehen durch eine Reproduktion. Das überbreite Rücklicht eines Straßenkreuzers, der im Dunkel verschwindet: eine Antwort auf die New York-Bilder Fettings, als Hommage an das bewunderte Vorbild? Willeke malt weniger fetzig, doch mit mehr Subtilität. Er braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Schließlich Wörter aus Headlines in amerikanischen Zeitungen, die zu Exzerpten für einen Erpresserbrief zusammengeklebt. Ein amerikanisches Panorama zwischen Sport, hintergründiger Kindlichkeit , Kriminalität - übersetzt in schiere Malerei. Selbst für die aquarellistischen Transparenzen fragt man sich, ob hier nicht die ungrundierten Leinwände von Helen Frankenthaler oder Morris Louis weiter wirken. In den massiveren Farbverdichtungen der Jungen Wilden findet sich jedenfalls kein Ansatz dafür. Die Brücke geht vom deutschen Expressionismus in die USA. Letztlich sucht Willeke seinen eigenen Weg. Zu Bildern, mit einer unauffälligen Ambivalenz von Nähe und Distanz, Bildern mit einem ganz dicht heran gerückten Ausschnitt, die sich gleichzeitig ins Vage flimmernder Konturen zurückziehen. Willeke macht daraus ein eminent malerisches Problem, das sich mit dem Wahrnehmungsthema kreuzt. Vor allem aber: gegenüber der vordergründigen Motorik von Sportszenen haben die jüngsten Bilder einen doppelten Boden. Sie wirken unheimlich, ein loser Schleier von Gefahr scheint über ihnen zu liegen. Diese Bilder machen neugierig, weil sie Geschichten signalisieren, ohne sie zu erzählen. Sie deuten Narratives an, ohne den Faden zu spinnen. Sie fragmentieren ein Geheimnis, wie Stands aus einem Hollywoodfilm oder Detail aus einem Comic. Wäre das keine kraftvolle peinture pure - es würde mich an Hitchcock erinnern, der wiederum von Malerei beeindruckt war. Wer wohnt in dem einsamen Haus mit den blinden Fensterscheiben? Woher kommt, wohin fährt das Auto mit dem horizontalen Kometenschweif seines Rücklichts, wie in der letzten Einstellung eines Filmes? Wem wurden Frau und Tochter gekidnappt und wer wird um eine halbe Million Dollar erpresst? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Schlaglichtern auf eine denkbare Story, die durch den anonymen Hinterkopf eine Steigerung ins Rätselhafte erfährt? Wie auch immer, die Bilder appellieren an unser Bildgedächtnis und setzen Phantasien in Gang,. Gewiss ist das Arrangement in der Fuhrwerkswaage Zufall, doch es zeigt, wie aufgeladen mit Erzählung diese Leinwände sind. Nein, Willeke ist kein jüngster Wilder, sondern ein brillanter Maler, der die eigene Perfektion kontert, indem er mitunter die ungefüge Naivität von Bildgeschichten nutzt. Ein Maler, der Ausschnitte von Geschichten aufblendet. Dass Malerei und Erzählung sich nicht ausschließen weist dabei keineswegs ins 19. Jahrhundert zurück. Es gehört zu einer neuen Freiheit, die nicht ins Beliebige aufwächst, und Getrenntes zusammenbringt.
Manfred Schneckenburger, Köln 2001
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