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Helden und Mutanten, Horror und Verbrechen, Autos und Mädchen, kalte
Räume und heiße Zeichen: Die Figuren und Gegenstände,
die Markus Willeke seiner Malerei zu Grunde legt, sind mehrheitlich dem
flimmernden Pool der Kino- und Fernsehbilder entnommen. Erwach-sen ist
dieses cineastische Panoptikum nicht aus dem Anspruch auf irgendeine ikonografische
Systematik, sondern aus der individuellen Bildauffassung des Malers, seinen
persönlichen Vorlieben und Interessen. Dabei ist den Motiven, die
Markus Willeke aus dem Überangebot bewegter Szenen und Sequenzen
für seine malerischen Setzungen abzweigt, vor allem eines gemeinsam:
ein hohes Maß an Penetranz, eine fast gewaltsame Eindringlichkeit,
die er nochmals forciert, um den Blick des Betrachters rückhaltlos
zu ködern. Schon hier wird ersichtlich, dass es weder um den medialen
Transfer als kulturelle Technik, noch um das postmoderne Paradigma des
Zweifelns geht. Vielmehr ist, was auf den Leinwänden und Papieren
erscheint, von Anfang an in den Kategorien des gemalten Bildes gedacht:
Was das Publikum als Wirklichkeit versteht, und sei sie hundertfach gefiltert,
versteht der Maler als (mögliche) Malerei. Wenn man so will, sind
viele seiner Bilder Originale nach der x-ten Kopie, die nicht vordergründig
nach einem Abgleich mit dem Bekannten, schon Gesehenen verlangen, sondern
zuallererst im verselbstständigten Zustand zwingender Sichtbarkeit
begegnen.
Das wohl profanste und hartnäckigste Bildmotiv im wuchernden Repertoire
des Malers sind die Autos, formatfüllende Heckansichten amerikanischer
Limousinen, an denen sich die malerische Entwicklung der letzten Jahre
beispielhaft ablesen lässt. So ist das Metallisch-Plastische der
ersten (nächtlichen) Autobilder auf Leinwand einer flüssigen
Flächigkeit gewichen, wie sie beim roten "Granada" von
2004 mittels weniger, rasanter Pinselzüge zu Tage tritt. Die Figuration
ist knapp und kompakt, der Raum auf ein Minimum reduziert. Dabei reichen
die wenigen, fast skizzenhaften Bilddaten aus, eine Situation von emotionaler,
atmosphärischer Dichte zu schaffen, die keiner weiteren Erklärungen
bedarf, erst recht nicht erzählerisch wirkt, und doch fast unweigerlich
eine Initialzündung auslöst: Das Standbild des Wagens wird zum
automatisierten Vehikel, immer bereit, seinerseits filmische Abläufe
anzustoßen, die weniger von konkreten Erfahrungen als von kollektiv
kursierenden Bildern und Klischees genährt sind. Auch wenn das Davor
und Danach wortwörtlich im Dunkeln bleibt, einschlägige Ahnungen
und Mutmaßungen über den Kontext des geschilderten Sachverhalts
entstehen wie von selbst.
Wie sehr gerade das gemalte Nachtstück solche Projektionen freisetzt,
hatte zuletzt eine kleine Bildfolge unter dem Titel "Nightrider"
gezeigt. Durch die Frontscheibe eines Autos gesehen, fällt hier der
Blick auf eine Straße, deren fluchtende Perspektive sich allein
aus
den glühenden Lichtpunkten roter Rückleuchten und weißer
Laternen ergibt: ein ortloses Überall, hundertmal durchquert, das
sich dennoch, infolge seiner suggestiven, durch den Bildtitel zusätzlich
aufgeheizten Wirkung, eher mit einem amerikanischen Roadmovie als
mit persönlichen Erinnerungen an irgendeine Großstadt bei Nacht
verbindet. Wenn also -
wie hier und anderswo - das einschlägige Filmwissen fast unvermeidlich
seine Dominanz gegenüber der individuellen Alltagserfahrung behauptet,
zumindest aber als eine Art "Sub-film" mitläuft, dann geht
damit immer auch eine defizitäre Erkenntnis einher: die Einsicht
nämlich in die Langeweile und Ereignislosigkeit der eigenen Existenz,
die ihrerseits das Bedürfnis nach starken (visuellen) Sensationen
umso dringlicher macht. Wir sind mit Filmen groß geworden, singt
Funny van Dannen, um dann ernüchtert festzustellen: Ich glaube, das
hat uns verdorben.
Auch diesen Aspekt: das Bild als Droge, als Exzess, als Rauschmittel zur
Abwehr jener Zumutungen, die aus der Tristesse der Realität resultieren,
macht Markus Willeke sich für seine Malerei zu Nutze. Sein Hang zu
großen, mitunter überwältigenden Formaten genauso wie
die zielbewusste Blick- und Raumführung seiner Bilder kommen dem
gierigen Gucker jedenfalls sehr entgegen. Denn stets sind die Motive nahansichtig
in Szene gesetzt, entweder in herangezoomten An- und Ausschnitten, oder
sie werden frontal und annähernd mittig auf der Leinwand platziert.
Kommt architektonischer Raum ins Spiel, wie bei den Schwimmbad-bildern,
wird er ergreifend schlicht als zentralperspektivische Kastenbühne
angelegt. Ergo folgt der Weg ins Bild keinem subtilen Plan, hier geht
es weder um gemalte Labyrinthe noch um spannungssteigernde Randständigkeiten.
Analog zum pointierten Vortrag der Malerei ist der Zugang vielmehr offen
und direkt, bishin zum visuellen Schockeffekt, wie ihn ein riesiges Porträt
von 2004 provoziert: der "Kopf" des bibeltreuen Profikillers
Samuel L. Jackson aus Pulp Fiction, der sich mit seinem leeren, wässrig
blauen, fast blinden Blick bedrohlich in den Raum vor der Bildfläche
bohrt und dabei die menschliche Dimension um das Zehnfache übersteigt.
Überhaupt kommt die Malerei von Markus Willeke entweder groß
oder klein daher, wohin-gegen moderate Zwischenmaße nicht existieren.
Pauschal lassen sich die Unterschiede zwischen Aquarell und Tafelbild
indessen kaum charakterisieren. Denn selbst wenn viele der späteren
Leinwandmotive zunächst auf den Wasserfarbblättern durchgespielt
werden, sind diese nicht als bloße Vorstufe oder Skizzenmaterial
angelegt. Stattdessen ergeben sie einen fortlaufenden Bilderbogen, den
Markus Willeke in wechselnden Allianzen und Präsentations-formen
erprobt. Nicht zuletzt bewirkt ihr normiertes Kleinformat, dass sie in
der Zusammen-schau wie eingefrorene Standbilder aus einem enzyklopädischen
Film erscheinen - und als solche zu eigenen, sprunghaften Verknüpfungen
animieren. Wiederum gibt es Autos in großer Fülle, Comic- und
Fernsehhelden, aber auch lauter Dinge und Gestalten, die der Maler als
Ertrag seiner motivischen Beutezüge zum exklusiven Eigenleben im
Medium der Miniatur erweckt: ein Hai, ein Surfer, ein Schnellrestaurant,
eine Flagge - Banalitäten der modernen Welt, bevorzugt amerikanischer
Provenienz, hart und real genug, um ihnen das Privileg veritabler Bildobjekte
einzuräumen.
Zu den Sachen selbst! lautete der Schlachtruf der Phänomenologen.
Für Markus Willekes Malerei taugt er indessen nur dann zum probaten
Motto, wenn man unter den "Sachen" nicht die zitierten Vorlagen
hinter den Bildern, sondern die gemalten Gegenstände selbst versteht,
ihre Umsetzung und Organisation, aus der ein dezidiertes, auch formales
Interesse spricht, das den Künstler seinerseits als Regisseur ausweist.
Ein vergleichsweise wenig cineastisches Motiv wie der gelbe "Schulbus"
von 2004 mag diesen Vorgang exemplarisch belegen. Stärker noch im
Zustand malerischer Auflösung begriffen als die übrigen Vehikel
fährt er durch eine blaue Regenlandschaft, in der sich die Konturen
so weit verflüssigt haben, dass Bus und Raum schlierenhaft ineinander
laufen. Wie hier erlauben die dünnen, fließenden Farben kaum
Korrekturen, ihr Einsatz erfordert vielmehr ein schnelles, konzentriertes
Handeln. Zwar sind Richtung und Geschwindigkeit der Farbverläufe
nicht bis ins Letztes kalkulierbar, und doch bleibt auch der Zufall unter
Aufsicht einer Bildregie, die sich seiner bedient, ihn steuert und dosiert
- auch wenn es so scheint, als besorge die Farbe das Meiste von allein,
fast ohne Zutun des Malers. Doch nicht Aktion und gestischer Prozess werden
hier gefeiert; stattdessen geht es um die Stimmigkeit des Resultats, dem
Markus Willeke mit verschiedenen Mitteln zuarbeitet. Das Entscheidene
ist die Situation, die Korrespondenz von Malerei und Gegen-stand, die
sich von Bild zu Bild aufs Neue beweisen muss.
Spezifisches Merkmal seiner Arbeiten ist in diesem Sinne der kalkulierte
Wechsel malerischer "Aggregatzustände", der sich durch
alle Motivgruppen hindurch verfolgen lässt. Die Extreme auf dieser
Skala sind einerseits ein punktgenauer Illusionismus, andererseits eine
pure, ver-selbstständigte Farbmalerei - wie etwa beim rosaroten "Mädchen"
von 2004, einer zarten, fast durchsichtigen Gestalt mit glühenden
Blitzlicht-Augen, die irgendwo zwischen Setzung und Entgrenzung, zwischen
Verfestigung und Verflüchtigung wie ein Kobold aus dem Farbfluss
auftaucht, um den Betrachter geisterhaft zu fixieren. So wie hier finden
sich immer wieder Passagen frappierender Gegenstandsnähe ebenso wie
Zonen demonstrativer Nachlässigkeit, die weder gegeneinander ausgespielt,
noch bruchlos synthetisiert werden. Wie gesagt betreibt Markus Willeke
keine ostentative Problemmalerei zur Illustration virulenter Bilddiskurse;
jedes Werk folgt vielmehr seiner eigenen, inneren Dramaturgie, die bei
aller Unmittelbarkeit des fertigen Bildes auf einer vorausschauenden,
gleichermaßen präzisen wie ökonomischen Malweise beruht.
Im Fokus der jeweiligen Bildidee können unterschiedliche Interessen
und Fragestellungen stehen, die sich am konkreten Gegenstand entzünden,
sei es in Einzelwerken oder variie-renden Bildreihen, spätestens
in der Gesamtübersicht aber auch bestimmte Konstanten in wechselnder
Formulierung erkennen lassen. Haut und Oberfläche, ihre Licht- und
Farbreflexe sind ein solches, wiederkehrendes Sujet, so beim "Hulk",
dem bedauernswerten Marvel-Monster, das allein schon wegen seiner giftig-grünen
Muskelberge - im aparten Kontrast zur purpurfarbenen Unterhose - gemalt
werden wollte. Ohnehin spielen Mutationen und Mon-strositäten eine
wesentliche Rolle, schon weil sie dem Fluss der Malerei und ihrer energe-tischen
Wandlungsfähigkeit unmittelbar entgegenkommen.
Das gilt in anderer Hinsicht auch für die Adaption von Schrift und
Zeichen, ein Thema, das seit den ersten Erpresserschreiben von 2001 verschiedene
Stadien durchlaufen hat. Erstmals (und bis heute einmalig) wurde bei diesen
"Briefen" die Leinwand als pure Fläche aufgefasst, genauer
gesagt: als weißes Blatt Papier, auf dem sich die Buchstabenschnipsel
im Wechsel von Farbe, Größe und Typografie zu einer gemalten
Collage ergänzen. No Funny Stuff! ist darauf zu lesen, Keine Bullen,
keine Tricks, sonst bist Du dran: eine fast schon programma-tische Direktive,
zumal sie das Bild zum Medium krimineller Bedrohung macht, zu deren Zielscheibe
wiederum der Betrachter wird.
Vom Kapitalverbrechen zur einfachen Straftat, vom flächigen Schriftbild
zum atmosphäri-schen Zeichenraum: So etwa lässt sich der Weg
von den "Briefen" zu den Schwimmbädern beschreiben, von
denen drei Varianten aus den Jahren 2003 und 2004 existieren. Hier nämlich
sind es Graffitis, die Markus Willeke im Berliner Stadtraum aufgespürt
und abgezeichnet hat, um sie in freier Kombination einer großformatigen
Serie gemalter Badeanstalten einzuver-leiben. Aus dem Inneren der blau
gekachelten Hallen gesehen, besetzen die Tags die bild-parallelen Fensterscheiben,
erscheinen also seitenverkehrt und außerdem gedoppelt, da sie sich
im Wasserbecken leicht verschwommen widerspiegeln. Entsprechend dieser
motivischen Staffelung erzeugt Markus Willeke aus verschiedenen, strategisch
eingesetzen Malmitteln eine fast modellhafte Bildkonstruktion. Denn während
die Graffitis (samt ihrer Spiegelungen) tatsächlich mit Spraylack
aufgetragen sind, womit das Prinzip des Zitierens gleichsam an seinen
äußersten Punkt getrieben wird, zeigt sich die Architektur
als farbgesättigter Feucht-raum. Darauf, dass auch dieser Schauplatz
ursprünglich einem Horrorfilm entlehnt ist, lässt vor allem
das diffuse Bildklima schließen, das die leeren, schwach beleuchteten
Räume beherrscht.
Als Synthese aus Haut und Zeichen sind schließlich die Tattoo-Malereien
angelegt, die im Close-Up-Verfahren martialische Symbole auf Armen und
Schultern zeigen, so eine Kampf-szene mit schreiendem Wikinger oder einen
flammenden Totenkopf, die in typischer Tinten-farbigkeit den fleischigen
Grund verzieren. Und auch sie sind gewissermaßen Programm, als das
Zeichenhafte nunmehr selbst zur reinen Oberfläche wird. Die Frage,
was hinter den Bildern liegt, welche tieferen Bedeutungen sie transportieren,
wird damit zu Gunsten purer, aggressiver Visualität im Keim erstickt.
Das gilt in anderer Weise auch für die jüngsten Pizza-Bilder,
selbst wenn der geschilderte Sachverhalt eher bizarre Züge annimmt.
Wiederum geht es um ein Zeichen, mehr prophe-tisches Signal als symbolische
Markierung, ein Wort jedenfalls, das sich aus der Position der Kapern
auf dem fettigen Belag ergibt: "Pain" ist da als Botschaft der
sprechenden Pizza zu lesen, vielleicht nur Zufall, und doch wie ein Menetekel,
das auch dem Hunrigsten den Appetit verdirbt. Bei aller Denkwürdigkeit
der angekündigten Qualen wird man nicht ernst-haft von einem Sinnbild
sprechen; ein Rätsel gibt es nicht zu lösen, im Gegenteil wird
Sinn hier bildhaft parodiert, indem die Last der Bedeutung letztlich nur
spielerischer Vorwand für die gemalte Masse aus Käse und Tomaten
ist, die sich in schönen, glänzenden Farbverläufe über
die Fläche erstreckt. Hier schließlich wird das Bild im wörtlichen
Sinne zur Farce. Nicht, dass es sich dem schnellen Zugriff verweigert,
doch bleibt es ein unverdaulicher Brocken für jene, die sich von
der gegenwärtigen, zumal gegenständlichen Malerei eine allzu
versöhnliche Sättigung versprechen.
Stefan Rasche, Münster 2004
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