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... Glucksend ließ sie ihn passieren, und er betrat ein großes,
grelloranges Zimmer.
Auf einem riesigen Podium befand sich ein nackter, unwahrscheinlich magerer
junger Mann
in halbliegender Position, der in den wogenden Härchen lebendgebärender
Wolle versank.
Seine unnatürlich weiße Haut war von einer beweglichen Tätowierung
bedeckt: neunundsechzig
blauschwarze Delphine erschienen und verschwanden unablässig auf
Brust und Armen. ...
Vladimir Sorokin: Der himmelblaue Speck, Köln 2000
Auf Stoff, Karton oder Papier und häufig in unerwarteten Dimensionen
bereitet Markus Willeke ein appetitliches Menu, das ebenso delikat wie
lustvoll die leuchtend bunten Untiefen erlebter Alltagswelt und zeitgenössischer
Befindlichkeiten auslotet. Respektlos wildert das ikongraphische Programm
seiner Malerei in den kostspielig gehegten Reservoiren allgegenwärtiger
Bildmaschinen und rekrutiert sich zudem aus den einfachen Dingen des täglichen
Bedarfs. Und mag sich das Detail bisweilen einer gewissen handschriftlichen
Koketterie nicht vorenthalten, richtet sich der Blick jedoch stets auf
globalere Zusammenhänge. Denn Markus Willeke sitzt weder dem sämigen
Diskurs durchgekauter Medienkritik auf, noch sägt er an liebgewonnenen
Sehgewohnheiten, um etwa der fortschreitenden Entpolitisierung des Blicks
Einhalt gebieten zu wollen. Vielmehr ist der mahnende Zeigefinger eingefahren
und die skizzenhaft aufgenommenen Facetten banaler Lebenswelt werden ungeachtet
ihrer zum Teil bedeutungsschwangeren Beipackzettel mit scheinbar unbekümmerter
Leichtigkeit den unterschiedlichen Bildträgern überantwortet.
Im Format überlebensgroß aufgeblasen oder miniaturhaft verkleinert
erzeugen tragische Typen der Filmgeschichte, gespenstisch androgyne Wesen,
skurrile Vehikel, Verpackungsmaterialien und rätselhaft arrangierte
Sets einen wolkigen Farbreigen, den der Eindruck einer inneren, malerischen
Notwendigkeit der einzelnen Bildgegenstände eint. Dabei fließen
ornamental plastisch und reduziert flächig angelegte Bilddaten ineinander,
was den Motiven zwischen Verflüchtigung und Verfestigung, zwischen
Abstraktion und Figuration eine kompakte und gleichsam plausible Präsenz
verleiht sowie den Darstellungen etwas sentimental liebevolles und emotional
anrührendes eingibt, das länger als die Überraschung ihres
Gemachtseins wirkt. Aber auch wenn sich das künstlerische Verfahren
gleicht, handelt es sich nicht um ein strategisches Durchdeklinieren,
das bekanntlich allzu oft mit vordergründigen Effekten lockt, um
dann in routinierte Langeweile umzuschlagen. Vielmehr besticht gerade
das augenscheinlich experimentell daherkommende, jedoch sorgsam kalkulierte
Verhältnis zwischen Darstellung, Format, Bildträger und Wahl
der Mittel, das immer wieder neu den Ort des Bildes erprobt und diesen
im beschleunigten Prozess der Fertigstellung gleichzeitig auflöst.
Neigten die älteren Arbeiten entgegen ihres simultanen Eindrucks
ins Narrative, markiert die jüngeren Bilder überwiegend eine
radikale Vereinfachung, wodurch den Malereien paradoxerweise eine erstaunliche
Präzision und altmeisterliche Perfektion anhaftet, die im übertragenen
Sinne an barocke Trompe-l'oeil-Effekte oder an Ready mades denken lässt.
Ein Eindruck, der gleichsam subjektiv unterlaufen wird durch die planvoll
betriebene Reduktion der Mittel und Sujets, insofern vor allem der Mangel
an visueller Information eine Kaskade blühender Assoziationen auslöst.
So sind auf den Bildhäuten die farbwässrig physiognomisch oder
silhouettenhaft eingefangenen Widergänger des Telezirkus freigestellten
(Film-)Kulissen gewichen. Die Protagonisten haben die Manege geräumt,
allein ihr "Geist" scheint noch diffus in den Schauplätzen
nachzuhallen. Aber obwohl durch sie hindurch gegangen, hat er kaum Erschütterungen
hinterlassen.
Gelbes Absperrband, wie es bei Gewaltverbrechen in den USA Verwendung
findet, gleitet meterlang über die Wandflächen. Mit Brettern
vernagelte Fenster und verriegelte Türen, versehen mit der Aufschrift
"Keep Out" sowie ein rotzig grün-gelber Bretterzaun bauen
sich unwirtlich vor dem Betrachter auf. Ein rotes Schild am Zaun gibt
die lapidare Anweisung "Beach Closed" - als hätte die Haiattacke
vom Vortag das Surfvergnügen nun auf unabsehbare Zeit zu Nichte gemacht.
Dass die dünnhäutigen Barrieren einen naiven Schutz vor äußerer
Bedrohung versprechen und zugleich den ersehnten Übergang in etwas
Dahinterliegendes provokant versperren, berührt geradezu unprätentiös
charmant die Urproblematik aller Malerei: Das seit den antiken Szeneidolen
Zeuxis und Apelles virulente Verhältnis von Bild- und Betrachterraum,
von Darstellung und Dargestelltem, von Form und Inhalt gerinnt spielerisch
zur bildgewordenen Option, die in ihrer nahezu körperhaft vorgetragenen
Uneinlösbarkeit Kopfzerbrechen bereitet. Ein schmerzlinderndes Mittel
ist rasch zur Hand, verabreicht in Gestalt monumentaler, perspektivisch
angelegter Tablettenschachteln, die jedoch allzu vordergründig mit
ihren Bildträgern assimilieren, als dass man ihrer habhaft werden
könnte - nicht zuletzt fehlt vom Inhalt jede Spur.
Wer aber mögliche Nebenwirkungen und Risiken nicht scheut, dem eröffnen
die Malereien von Markus Willeke vereinzelt oder im Überblick eine
faszinierend gegenwärtige Welt(sicht), die, ungeachtet einem allgemeinen
Bedürfnis nach tröstlichen Halbwertzeiten, trotz oder gerade
aufgrund der Geschwindigkeit ihrer Entstehung zum lustvollen Verweilen
einlädt. Als Lohn lockt der visuelle Genuss, Anteil an der Raffinesse
und zugleich Schlichtheit der Bilder zu nehmen - auch wenn die Erkenntnisse
über die Begrenztheit des je eigenen Handlungsspielraums hinaus einen
nur geringen Tiefgang aufweisen, ganz wie im wirklichen Leben: What you
see is what you get!
Marcus Lütkemeyer, Münster 2005
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