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Victor Burgin erinnert in seinem Buch The Remembered Film , wie einst
André Breton und Jacques Vaché jeden Nachmittag ins Kino
gingen, wahllos und exzessiv Filme ansahen, er erzählt von Raoul
Ruiz, der eine Zeit lang nur Kinofilme, die in der Antike handelten, sah,
in der Hoffnung, am Himmel ein Flugzeug zu entdecken, und er zitiert Roland
Barthes, der eher an der Atmosphäre im Kino als an den Filmen interessiert
war. Die Annahme, dass Filme einen festen Ort und eine Zeit mit einem
Anfang und einem Ende hatten, wurde von den wahren Filmliebhabern schon
immer in verschiedenster Weise widerlegt. Durch die Videotechnologie hat
sich die Auffassung des Films als eine in sich abgeschlossene Einheit
mit öffentlichem Aufführungscharakter vollständig aufgelöst.
Bevor es den Video- oder den DVD-Recorder in jeder Wohnung gab, hatte
niemand außerhalb der Filmindustrie die Möglichkeit gehabt,
ein Standbild zu isolieren, den Film im Schnellvorlauf zu sehen, den Film,
wann immer es beliebt, zu unterbrechen, und eine Szene wieder und wieder
zu sehen. Heute kann das jeder. Diese Rezeptionsweise führt natürlich
zur Distanzierung von der suggestiven Narration und verstärkt das
Interesse für die Konstruktion der Erzählung und für scheinbare
„Nebensächlichkeiten“. Zudem ist die heutige Alltagskultur
geprägt durch filmische Referenzen, man begegnet Filmen auf Plakaten,
in der Werbung, in Zeitungskritiken, durch Erzählungen anderer, man
kann leicht das Gefühl haben, einen Film zu kennen, ohne ihn gesehen
zu haben. Es existiert heute – so Burgin in Adaption eines Begriffs
von Foucault – eine kinematographische Heterotopie.
Die Bilder von Markus Willeke, in denen er zahlreiche filmische Referenzen
verarbeitet, sind ohne dieses Phänomen der Allgegenwart des Kinos
nicht vorstellbar. Willeke sieht viele Filme, er sieht sie, wenn es seine
eigene Zeit erlaubt, er sieht sie viele Male hintereinander, dabei kann
es sein, dass ihm erst nach diesen Wiederholungen plötzlich etwas
ins Auge sticht, was ihm vorher entgangen war. Diese Art, Filme anzusehen,
verwandelt die Rezeption eines Produktes der Kulturindustrie in ein ästhetisches
offenes Projekt.
Was sich bei der obsessiven Filmbetrachtung in den Vordergrund drängt,
sind die Requisiten und das Setting. Es sind besonders Horrorfilme, die
es Willeke angetan haben: Filme, die von der Bedrohung der sozialen Gemeinschaft
und der physischen Integrität durch eine äußere Gefahr
erzählen. Vielleicht ist es auch bei diesem Genre besonders absurd,
ein und denselben Film wieder und wieder zu sehen, bis der Schrecken in
der Redundanz übertrieben – und gebrochen wird.
Es sind Türen, Zäune, Absperrbänder, Warn- und Notrufschilder,
die in einer Szenerie des Verbrechens und der Gewalt eine wichtige Schlüsselfunktion
in der Strukturierung der Handlung haben, sie unterscheiden Zonen der
Gefahr und der Sicherheit, das Hier und das Dort, das Draußen und
das Drinnen. In einem mehrfachen Übersetzungs- und Auswahlprozess
werden die Motive von Willeke isoliert und bearbeitet. Zunächst werden
Standbilder vom Monitor abfotografiert, dann werden Ausschnitte isoliert
auf Aquarellen kleineren oder mittleren Formats; die Motive werden hier
in gewisser Weise kompositionell getestet, um dann in monumentalen Leinwandformaten
ihre ganz eigene Expressivität zu erhalten. Doch ist es genau genommen
keine Monumentalität, sondern ein Zurückführen in die reale
Maßstäblichkeit des Requisits bzw. deren leichte Übertreibung:
die gemalten Türen sind wenig größer als wirkliche Türen,
der gemalte Zaun ist nur ein wenig höher als eine vergleichbare Barrikade
im realen Raum, das gemalte Absperrband ist etwas breiter als normales
Absperrband. Die Farben sind übertrieben, der Türknauf, die
Astlöcher in den Brettern des Zauns und andere Details karikaturhaft
vereinfacht. Die Technik des Aquarells, die man gewöhnlicherweise
mit Feinsinnigkeit und mit kleinen delikaten Formaten assoziiert, auf
denen sich der Blick des Betrachters in den Farbverläufen verlieren
kann, ist hier äußerst plakativ angewendet. Man könnte
leicht annehmen, Aquarell sei keine Technik, die in diesen harten und
lauten Zeiten relevant gegenwartsbezogen sein könnte. Markus Willeke
hat jedoch einen Weg gefunden, dem Aquarell eine neue Aufgabe, eine aktuelle
Thematik und eine erstaunliche Präsenz zu geben. Der Prozess des
Malens ist ebenfalls erstaunlich. Die wässrige Farbe wird auf den
liegenden Träger mit großen Pinseln und Besen nass in nass
aufgetragen, eine Malweise, die mit dem Ineinanderverlaufen als einem
wichtigen Effekt des Aquarells kalkuliert. Es muss schnell gehen und der
Aufbau des Bildes muss im voraus feststehen, Spritzer und Kleckse bleiben
nicht aus und werden dem drastischen illusionistischen Effekt untergeordnet.
Interessanterweise begründet Willeke eine ganz persönliche Tradition
mit dem Verweis auf Morris Louis, einem Künstler der amerikanischen
abstrakten Nachkriegsmoderne, bei dem die stark verdünnte Acrylfarbe
die Leinwand mit sparsamen ruhigen Linien tränkte und eine „plakative“
Abstraktion erzeugte.
Die filmische Referenz auf den Bildern von Willeke zu erkennen, hängt
natürlich vom Wissen des Betrachters ab. Nur manchmal gibt es einen
Hinweis im Titel, lediglich ein Stichwort. Aber dieser Hinweis ist nicht
wirklich entscheidend. Die Motive sind jetzt selbstständig und sie
dienen der Malerei. Bei den genannten Beispielen der Türen, Zäune,
Absperrbänder, Warn- und Notrufschilder ist der Träger in seinen
Proportionen und seiner Größe identisch mit der Form des Dargestellten,
ein klassischer Fall des Trompe l’oeil. Das Motiv ist aus der immateriellen
Welt des filmischen Bildes herausgeholt, als Dargestelltes verschwistert
es sich in seiner Flächigkeit mit der Flächigkeit des Bildträgers.
Die Hängung verstärkt den Effekt des Trompe l’oeils. Sie
berücksichtigt die Effekte der Installation und Inszenierung im Raum
des Betrachters: die Tür- und Zaunbilder stoßen fast auf den
Boden, die Absperrbänder überlagern sich kreuzweise.
Über den Umweg der Anerkennung der filmischen Allgegenwart als Reservoir
von Vor-Bildern hat das malerische Bild bei Willeke eine neue Ausdrucksstärke
und eine neue „illusionistische“ Eigenständigkeit erlangt.
Eva Schmidt, Siegen 2006
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